Hörsaal oder Werkbank: Wie Ausbildungsbotschafter und Studienbotschafter in Baden-Württemberg gemeinsam Orientierungshilfe geben

Seit 2007 informieren Studienbotschafter (kurz StuBo) an baden-württembergischen Gymnasien und beruflichen Schulen über den Weg ins Studium. Einige Jahre später, 2011, kamen die Ausbildungsbotschafter (AuBo) hinzu, die Einblicke in ihre Ausbildung geben. 2015 wurden beide Erfolgsmodelle zusammengeführt: Seither berichten AuBos und StuBos gemeinsam vor Schulklassen von ihren Erfahrungen und beantworten anschließend in Kleingruppen die Fragen der Jugendlichen.

Wie diese gemeinsamen Einsätze in der Praxis funktionieren, davon berichtet Frau Sina Schäfer, Koordinatorin bei der IHK Region Stuttgart / Bezirkskammer Ludwigsburg und selbst langjährige StuBo. Wenn sie erzählt, wie AuBos und StuBos gemeinsam auftreten, ist es insbesondere das Aufeinandertreffen dieser zwei Bildungswelten, die diese Einsätze so lebendig machen. Während StuBos häufig mit routinierter Souveränität auftreten, bringen AuBos eine bodenständige Authentizität mit, die bei Schülern oft unmittelbar verfängt. „Zwei Perspektiven und ein gemeinsames Ziel, nämlich Orientierung schaffen in einer Lebensphase, in der Zukunft plötzlich kein abstrakter Begriff mehr ist, sondern zu einer drängenden Frage wird.“

Was Schüler wirklich wissen wollen
Die Fragen der Jugendlichen unterscheiden sich weniger stark, als man vermuten könnte. Fast immer wird das Thema Geld angesprochen: Wie lässt sich ein Studium finanzieren, und was verdient man in einer Ausbildung? StuBos werden zusätzlich zu Zulassungshürden und Noten gefragt, während AuBos eher über Fähigkeiten und praktische Anforderungen sprechen. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommen jene, die ihr Studium abgebrochen haben und sich nun in der Ausbildung sehr wohl fühlen – ihre ehrlichen Erfahrungsberichte sorgen regelmäßig für Aha-Momente und wirken für viele Schüler entlastend und motivierend zugleich.

Zwei Rollen, ein gemeinsamer Auftritt
Die Unterschiede in Alter, Ausbildung und Auftreten sind durchaus spürbar. Mit mehr Präsentationserfahrung übernehmen StuBos deshalb meist eine leichte Führungsrolle. Dennoch entsteht daraus ein überraschend stimmiges Team – so sehr, dass Schüler oft überzeugt sind, StuBos und AuBos hätten schon länger zusammengearbeitet, obwohl sie sich erst weniger als eine Stunde zuvor kennengelernt haben. „Das zeigt, wie gut die Dynamik funktioniert“, sagt Frau Schäfer.

Gymnasiasten – eine vielfältige Zielgruppe
Was nach einer homogenen Zielgruppe aussieht, ist in Wahrheit ein gemischtes Feld. Viele Gymnasiasten tragen hartnäckige Vorstellungen mit sich herum – etwa, dass eine Ausbildung finanziell unattraktiv sei oder dass ein Abitur zwangsläufig zum Studium verpflichte. „Solche Klischees haben ihren Ursprung oft im Elternhaus“, sagt die Koordinatorin aus Ludwigsburg. „Gerade deshalb ist der Doppelauftritt so effektiv: Schüler hören beide Perspektiven – und beginnen, festgefahrene Ansichten zu hinterfragen.“

Organisatorische Hürden hinter den Kulissen
Während StuBos ihre Einsätze flexibel planen können, brauchen AuBos stets die Zustimmung ihrer Betriebe – das Zusammenführen aller Akteure ist daher eine logistische Herausforderung. Inhaltlich verlangt dies Konzept den Auszubildenden mehr ab: Sie müssen sich einem festgelegten Ablauf anpassen, der sich von ihren eigenen Einsätzen unterscheidet. „Vor einem gemeinsamen Einsatz spreche ich mit meinen Ausbildungsbotschaftern über MS-Teams den Einsatz Schritt für Schritt durch, so dass sie nicht unvorbereitet auf das ihnen in der Regel unbekannte Format treffen“, verdeutlicht Frau Schäfer.

Wie Schüler reagieren
Die Resonanz ist eindeutig: Das Nebeneinander zweier Wege wirkt motivierend, nicht verwirrend. Entscheidend ist die Gleichwertigkeit der Optionen – nicht als Konkurrenz, sondern als individuelle Passform. Besonders eindrücklich wirken immer wieder Beispiele, in denen vermeintliche Umwege zu einem stimmigen individuell passenden Weg geführt haben.

Wo gemeinsame Einsätze besonders gut funktionieren
Die Erfahrung zeigt: Am aufgeschlossensten sind die Klassenstufen 10 und 11. Dort rückt die berufliche Entscheidung näher, und Informationen aus erster Hand sind besonders begehrt. Dabei ist jedoch festzustellen, dass Herkunft und familiäre Erwartungen die Haltung zu Ausbildung oder Studium immer noch stark prägen.

Ein Wandel in Sicht
Rückblickend sieht Frau Schäfer aber auch, dass sich die Wahrnehmung der dualen Ausbildung an Gymnasien deutlich verändert hat.

Durch die gemeinsamen Einsätze ist die Ausbildung viel sichtbarer geworden, und weiter: Wir sind noch nicht am Ziel, aber wir haben in den vergangenen Jahren einen großen Schritt getan, Studium und Ausbildung als gleichwertige Wege für viele Jugendliche erfahrbar zu machen.

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